
Die WAZ veröffentlicht heute aus Anlass
des zwanzigsten Jahrestages der ersten großen Leipziger Montagsdemo ein Interview mit
Werner Schulz, Mitbegründer des Neuen Forums, langjähriger Bundestags- und heute Europaabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen. Er erzählt, mit welcher Angst die 70.000 Leipziger damals durch die Straßen zogen:
"Politbüro-Mitglied Egon Krenz hatte zudem offen Sympathie für die chinesische Regierung bekundet, die kurz zuvor den Protest der Studenten in Peking blutig niedergemetzelt hatte. Die chinesische Lösung schwebte wie ein Damoklesschwert auch über uns."In der gleichen Zeitung wird an anderer Stelle der NRW-Landesvorsitzende der Partei Die Linke,
Wolfgang Zimmermann, mit dem Satz zitiert:
"In der DDR war nicht alles schlecht". Ein furchtbarer Satz, völlig unabhängig von seinem faktischen Wahrheitsgehalt; ein Totschlag-Statement, dessen einziger Zweck darin besteht, Unrecht zu relativieren. Zu Recht können wir es nicht ertragen, wenn bei Diskussionen mit Ewiggestrigen über die NS-Zeit irgendwann der unvermeidliche Autobahn-Satz fällt. Am lautesten schreit dann vermutlich Herr Zimmermann, ohne zu begreifen, dass sich seine DDR-Äußerung in ihrem Subtext gar nicht groß davon unterscheidet.
Die gedruckte Nähe dieser beiden Artikel macht mich jedenfalls ein wenig stolz auf meine Partei. Teil der Geschichte von Bündnis 90/Die Grünen sind die Menschen, die gewaltlos demonstrierend vor den Stasi-Zentralen
"Wir sind das Volk" skandiert haben. Teil der Geschichte der Partei Die Linke sind die Herrschaften, die zur gleichen Zeit hinter deren verschlossenen Türen verräterische Spitzel-Akten geschreddert haben.
Ich mag Die Linke nicht, schon gar nicht in NRW. Verbalradikale Programmaussagen aus der politischen Mottenkiste bestätigen mich. Und das Personalangebot überzeugt mich auch nicht. Die eine Hälfte besteht aus alternden Gewerkschaftsfunktionären, die glauben, Kohle wäre nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft des Ruhrgebiets. Und die andere Hälfte sind die Sektierer, die uns schon in den Achtziger Jahren in Initiativen und Bündnissen auf die Nerven gegangen sind.
Ich bin dennoch dafür, dass wir in Land und Bund die Option Rot-Rot-Grün aufmachen. Die einzige Möglichkeit, die irrationale Faszination dieser Partei für viele Wähler auf den Prüfstand zu stellen, ist die Konfrontation mit der Realität. Dann wird sich entscheiden, welchen Weg sie gehen will. Im besten Fall eröffnet sich wieder eine Perspektive zur Umsetzung nachhaltiger grüner Politikansätze an der Seite zweier leicht variierter sozialdemokratischer Parteien. Denn wir werden es uns auf Dauer nicht leisten können, Wahlkämpfe ohne Machtoptionen zu führen!
(Foto: Gahlbeck, Friedrich, Wikipedia Commons Bundesarchiv)